Strehlen (Schlesien)

Etwa 35 Kilometer südlich von Breslau liegt die Kleinstadt Strehlen/Strzelin, die derzeit ca. 12.500 Einwohner besitzt.

In Strehlen (poln. Strzelin) - es besaß seit 1294 deutsches Stadrecht - lebten bereits im 14./15.Jahrhundert jüdische Familien. Eine „Judengasse“ und eine Synagoge sind erstmals um 1440 urkundlich erwähnt. Begräbnisse verstorbener Juden aus Strehlen fanden damals vermutlich in Breslau statt.

Da über Jahrhunderte hinweg keine Quellen über jüdisches Leben in Strehlen vorliegen, kann vermutet werden, dass die Juden Ende des 15.Jahrhunderts aus dem Ort vertrieben worden sind. Erst im 19.Jahrhundert bildete sich in Strehlen eine neuzeitliche israelitische Kultusgemeinde, die in den 1880er Jahren mit ca. 160 Mitgliedern ihren personellen Zenit erreichte. In der Zwingerstraße errichtete man um 1815/1820 eine Synagoge, die sich am Standort der mittelalterlichen befunden haben soll (?).

In etwa zeitgleich wurde ein Begräbnisplatz für Juden geschaffen, der unmittelbar neben dem katholischen Friedhof sich befand.

Juden in Strehlen:

--- 1845 ...........................  86 Juden,

--- 1880 ........................... 165   “  ,

--- 1890 ........................... 108   "  ,

--- 1898 ...........................  98   “  ,

--- 1905 ...........................  64   "  ,

--- 1925 ...........................  59   "  ,

--- 1932 ...........................  36   “  ,

--- 1937 ...........................  34   "  ,

--- 1939 ...........................  14   “  .

Angaben aus: Strzelin - Demograhpy, in: sztetl.org.pl

Ab den 1890er Jahren verlor die Gemeinde infolge von Abwanderung kontinuierlich ihre Angehörigen, die in größere Städte verzogen.

             http://freepages.genealogy.rootsweb.ancestry.com/~bgwiehle/schlesien/img/strehln1.jpg Zentrum von Strehlen (hist. Aufn., um 1935/1940)

Anfang der 1930er Jahre lebten hier nur noch ca. 40 jüdische Einwohner. Während der „Kristallnacht“ wurden ihre Läden zerstört. Das Synagogengebäude wurde alsbald als Sitz einer NS-Organisation (des NSKK) benutzt !

                     Ehem. Synagogengebäude (Aufn. um 1940)

Das Schicksal der wenigen jüdischen Familien Strehlens - 1939 waren es insgesamt nur 14 Personen - ist nicht bekannt.

 

Das ehemalige Synagogengebäude wurde gegen Kriegsende zerstört. Das Areal des jüdischen Friedhofs wurde 1943 veräußert und dem Beerdigungsgelände des christlichen Friedhofs zugeschlagen. Vom jüdischen Friedhof und seinen Grabsteinen gibt es heute keinerlei Spuren mehr.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte die jüdische Gemeinde nicht wieder auf.

  Paul Ehrlich, späterer Nobelpreisträger der Medizin, wurde 1854 als Sohn eines jüdischen Likörfabrikanten und Lotterieeinnehmers im niederschlesischen Strehlen geboren. Er gilt als Begründer der experimentellen Medizin und der modernen Chemotherapie, der bei seinen vielseitigen Forschungen auch Randgebiete der biomedizinischen Forschung, etwa die Physiologie, betrat. Bleibende Verdienste besitzt Paul Ehrlich auf dem Gebiete der Serologie. Er ist 1915 in Bad Homburg gestorben.

 

Weitere Informationen:

Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 127 – 133, S. 808/809 (Strehlen)

Bernhard Brilling, Die jüdischen Gemeinden Mittelschlesiens - Entstehung und Geschichte, in: "Studia Delitzschiana", Band 14, Verlag Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1972

Kurt Schwerin, Die Juden im wirtschaftlichen und kulturellen Leben Schlesiens, in: "Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau", Band XXV (1984), S. 93 ff.

Manfred Agethen, Die Situation der jüdischen Minderheit in Schlesien unter österreichischer und preußischer Herrschaft, in: Peter Baumgart (Hrg.), Kontinuität und Wandel. Schlesien zwischen Österreich und Preußen, Sigmaringen 1990, S. 307 – 331

Fr.-Carl Schultze-Rhonhof, Geschichte der Juden in Schlesien im 19. u. 20.Jahrhundert, in: "Schlesische Kulturpflege - Schriftenreihe der Stiftung Schlesien", Band 5, Hannover 1995 (versch. Aufsätze)

M.Heitmann/H.Lordick, Zur Geschichte der Juden in Schlesien, in: “ ... liegt die Heimat auch in weiter Ferne”, Berlin 1995, S. 52 ff.

Fritz Moses, Strehlen. Erinnerungen an eine schlesische Kleinstadt und ihre jüdischen Bürger, o.O. 1995

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 3, S. 1251

Strzelin, in: sztetl.org.pl