Vechta (Niedersachsen)

Datei:Vechta in VEC.svg Vechta mit derzeit ca. 31.000 Einwohnern ist die Kreisstadt und gleichzeitig größte Stadt des gleichnamigen Landkreises im westlichen Niedersachsen – ca. 50 Kilometer südwestlich von Bremen gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Seit Beginn des 18.Jahrhunderts ist die Existenz von Juden in Vechta nachweisbar; seitdem nahm ihre Zahl allmählich zu, blieb aber immer sehr gering. Zu Anfang des 19.Jahrhunderts - vor dem Anschluss des Münsterlandes an Oldenburg - lebten im damaligen Amte Vechta sieben vergleitete Juden, von denen sich fünf in Vechta und zwei in Twistringen aufhielten. Dass ihre Zahl so gering war, lag zum einen an den rechtlichen Beschränkungen, denen Juden bis 1849 unter oldenburgischer Herrschaft ausgesetzt waren, und zum anderen an den begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten in Vechta und Umgebung. Mitte des 18.Jahrhunderts handelten die Juden Vechtas mit Waren aller Art, so mit Stoffen, Tee und Kaffee, Fellen und Leder, aber auch mit gebrauchten Textilien. Widerstand gegen den Hausierhandel der Juden auf dem Lande leisteten die Vechtaer Kaufleute, die eine Beeinträchtigung ihrer Geschäfte fürchteten; besonders im Tuchhandel wurde die jüdische Konkurrenz sehr ungern gesehen.

Bereits in den 1780er Jahren wird eine Synagoge erwähnt; vermutlich handelte es sich nur um einen Betraum in einem Privathause. 1825/1826 richtete die kleine jüdische Gemeinde in einem Fachwerkhaus am Klingenhagen, in der heutigen Juttastraße, ein Synagoge ein; äußerlich unterschied es sich kaum von den umstehenden Häusern; nur eine Tafel mit hebräischer Inschrift über der Eingangstür wies das zweistöckige Gebäude als Synagoge aus.

                               Synagoge (das höhere Gebäude in der Bildmitte)

Synagogengebäude in der Juttastraße (Rekonstruktionsskizze von L.Wischmeyer, Cloppenburg)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20305/Vechta%20AZJ%2020011851.jpg aus: "Allgemeine Jüdische Zeitung“ vom 20. Januar 1851

Außerhalb der Stadt besaß die Gemeinde am Visbeker Damm einen eigenen Friedhof, der heute noch existiert. Dessen Anlage erfolgte vermutlich in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts; ein erster urkundlicher Hinweis („Juden-Kirchhof“) stammt dagegen erst aus der Zeit um 1810.

Zur Vechtaer Synagogengemeinde zählten auch die wenigen Familien in Goldenstedt und Lohne.

Juden in (Amt) Vechta:

        --- um 1730 .......................  2 jüdische Familien,*

    --- 1771 ..........................  5     “        “   ,*

    --- um 1800 .......................  5     “        “    (ca. 40 Personen),*

    --- 1822 .......................... 48 Juden,*                               *  im Amt Vechta

    --- 1837 .......................... 58   “  ,

    --- 1855 .......................... 64   “  ,

    --- 1861 .......................... 37   “  ,

    --- 1875 .......................... 38   “  ,

    --- 1885 .......................... 29   “  ,

    --- 1895 .......................... 24   “  ,**             ** andere Angabe: 32 Pers.

    --- 1925 .......................... 19   “  ,

    --- 1933 .......................... 17   “  ,

    --- 1939 .......................... 14   “  ,

    --- 1940 .......................... keine.

Angaben aus: Harald Schieckel, Die Juden im Oldenburger Münsterland

und                Werner Teuber, Als gute Unterthanen und Bürger .... geduldet, verfolgt, vertrieben, ermordet. .., S. 20

Anzeigen jüdischer Geschäftsleute in Vechta (1880/1900):

     

Der Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte am 1.4.1933 wurde von der NSDAP-Ortsgruppe Vechta durch eine Zeitungsanzeige publik gemacht und „ordnungsgemäß durchgeführt“; so wurde ein SA-Angehöriger vor dem jüdischen Geschäft von Adolf Bloch postiert. Allerdings schien diese „Aktion“ bei den Vechtaer Bürgern zunächst auf wenig Verständnis gestoßen zu sein. Im Laufe der Jahre häuften sich die Übergriffe fanatisierter NSDAP-Anhänger auf die jüdischen Einwohner; im gleichen Maße distanzierten sich auch immer mehr Bürger - aus Furcht vor möglichen Repressalien - von den hier ansässigen jüdischen Bewohnern, die nun ins gesellschaftliche und wirtschaftliche Abseits gerieten. Behördliche Anweisungen sorgten dafür, dass jüdische Viehhändler vom Vechtaer Markt vertrieben wurden.

In der „Reichskristallnacht“ vom November 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge von SA-Angehörigen demoliert; von einer Brandlegung sah man ab, da dadurch die Nachbarhäuser bedroht waren.

                               Demoliertes Synagogengebäude (hist. Aufn., Stadtarchiv)

Einen Tag später wurden die Reste der Inneneinrichtung sowie Türen und Fenster der Synagoge auf den Neumarkt gefahren und angezündet. Auch der jüdische Friedhof wurde verwüstet. Die wenigen jüdischen Geschäfte in Vechta in der Langen Straße wurden „ausgeräumt“. Zwei Männer aus Vechta verschleppte man ins KZ Sachsenhausen.

In der „Oldenburgischen Volkszeitung” war am 11.November 1938 zu lesen:

Vechta. Ihrer berechtigten Empörung über das schamlose jüdische Attentat in Paris hat sich die Bevölkerung auch hier Luft gemacht. Das Warenlager der jüdischen Firma B. wurde für die NSV sichergestellt. Zwei jüdische Viehhändler wurden in Schutzhaft genommen. Es wurde bei der Aktion vorbildliche Disziplin gewahrt.

Das Synagogengrundstück fiel zunächst an die Kommune, später ging es in Privatbesitz über. Nach dem Novemberpogrom wurden in Vechta diejenigen „arischen“ Bürger im sog. „Stürmerkasten” öffentlich angeprangert, die bis zuletzt noch in jüdischen Geschäften gekauft hatten. Die Namen wurden entwendeten Geschäftsunterlagen entnommen, die den Nationalsozialisten in die Hände gefallen waren. Die letzten Juden Vechtas verließen im Sommer 1939 ihre Heimatstadt und gingen nach Bremen bzw. Oldenburg; der letzte Gemeindevorsteher, Adolf Gerson, emigrierte mit seiner Familie nach Palästina. Damit war Vechta „judenfrei”.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ wurden mehr als 20 Angehörige der israelitischen Gemeinde Vechta Opfer der Shoa (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/vechta_synagoge.htm).

 

Seit 1981 erinnert ein vom hiesigen Bildhauer Albert Bocklage geschaffener Gedenkstein in der Juttastraße an die ehemalige Synagoge von Vechta; der Stein trägt die Inschrift:

In dieser Straße stand die Synagoge, das Gotteshaus unserer jüdischen Mitbürger,

frevelhaft geschändet am 9.November 1938.

Zur Erinnerung und Mahnung.

Auf dem bis 1936 genutzten Friedhof am Visbeker Damm befinden sich ca. 25 Grabsteine.

 Jüdischer Friedhof Vechta Grabsteine.JPG

Jüdischer Friedhof in Vechta (Aufn. Jacek Ruzyczka, 2014, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20305/Vechta%20Friedhof%20e677li.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20305/Vechta%20Friedhof%20e675re.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20306/Vechta%20Friedhof%20e681li.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20305/Vechta%20Friedhof%20e684li.jpg

ältere Grabsteine aus der Zeit um 1850/1870 (Aufn. Martin Schmid, 2011, aus: alemannia-judaica.de)

2009 wurden in Vechta die ersten elf sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an Angehörige der Familie Adolf Gerson (Füchteler Str.) und Emmanuel Gerson (Klingenhagen) erinnern sollen; sie konnten ihr Leben durch die Emigration nach Palästina retten. Getragen von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und Vechtaer Schulen wurde dieses "Stolperstein"-Projekt seitdem fortgeführt. Weitere fünf Steine erinnern seit 2011 an Angehörige der jüdischen Familie Bloch (Große Straße). Derzeit zählt man insgesamt mehr als 20 "Stolpersteine" (Stand 2021).

 

Weitere Informationen:

Konrad Händel, Zur Geschichte der Juden in Vechta, insbesondere in der Zeit von etwa 1720 bis 1870, Maschinenmanuskript 1948 (Heimatbibliothek Vechta)

Harald Schieckel, Die Juden im Oldenburger Münsterland , in: "Jahrbücher für das Oldenburger Münsterland 1974", S. 160 - 175

Hermann von Laer, Vom Ackerbürgerstädtchen zum Industrie- und Dienstleistungszentrum. Die Wirtschaftsgeschichte der Stadt Vechta seit dem 12.Jahrhundert, in: "Beiträge zur Geschichte der Stadt Vechta I", Vechta 1974, S. 199 - 264

Harald Schieckel, Die Juden in Vechta, in: "Beiträge zur Geschichte der Stadt Vechta II", Vechta 1974, S. 95 - 106

Peter Sieve, Das Schicksal der Vechtaer Juden im Dritten Reich, in: "Beiträge zur Geschichte der Stadt Vechta II", Vechta 1974, S. 107 - 121

Zvi Asaria, Die Juden in Niedersachsen - Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, Leer 1979, S. 484 f.

Johannes-Fritz Töllner, Die jüdischen Friedhöfe im Oldenburger Land. Bestandsaufnahme der erhaltenen Grabsteine. in: "Oldenburger Studien", No. 25, Oldenburg 1983, S. 671 – 692

Günter Heuzeroth (Hrg.), Unter der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus 1933-1945 dargestellt an den Ereignissen im Oldenburger Land, Band II: Verfolgte aus rassischen Gründen, Zentrum für pädagogische Berufspraxis, Oldenburg 1985, S. 123

Hans Schlömer, diverse Aufsätze über Judenverfolgung in Vechta (veröffentlicht in Heimatblättern und -zeitung, 1970/80er Jahre)

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Niedersachsen II (Reg.bezirke Hannover und Weser-Ems), Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1986, S. 186

Georg Windhaus, Geschichte Vechtas unter dem Nationalsozialismus, in: Chronik der Vechtaer Pfarrgemeinde St. Georg, o.J.

Peter Sieve, Das Schicksal der Vechtaer Juden, in: "Beiträge zur Geschichte der Stadt Vechta", Vechta 1988, S. 107 - 122  

Werner Teuber, Als gute Unterthanen und Bürger .... geduldet, verfolgt, vertrieben, ermordet . Jüdisches Schicksal 1350 - 1945, in: "Dokumente und Materialien zur Geschichte und Kultur des Oldenburger Münsterlandes", Bd. 3/1988

Hans Hochgartz, Die Geschichte der Synagoge von Vechta, in: Enno Meyer (Hrg.), Die Synagogen des Oldenburger Landes, Heinz Holzberg Verlag, Oldenburg 1988, S. 196 - 201

Ulrich Behne/u.a., Die Viehhändlerfamilien Gerson und das Schicksal der jüdischen Gemeinde zu Vechta, in: "Veröffentlichungen des Museums im Zeughaus Stadt Vechta", Band 4, Diepholz 2001 (erw. Neuauflage 2010)

Werner Meiners, Nordwestdeutsche Juden zwischen Umbruch und Beharrung. Judenpolitik und jüdisches Leben im Oldenburger Land bis 1827, in: "Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen u. Bremen", Band 204, Hannover 2001

Nancy Kratochwill-Gertich/Antje C. Naujoks (Bearb.), Vechta, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 1502 – 1510

Jüdischer Friedhof in Vechta, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Aufnahmen von Martin J. Schmid)

Stadt Vechta (Hrg.), Euer Name lebt – Stolpersteine in Vechta – Faltblatt, Vechta 2011

Kommune Vechta (Hrg.), Stolpersteine in Vechta, online abrufbar unter: rathaus.vechta.de/Kultur/Stolpersteine.aspx

Auflistung der in Vechta verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter. wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Vechta

Peter Sieve, Juden in Vechta: 1709 – 1939. Überblick zur Geschichte der Synagogengemeinde Vechta, hrg. von der Stadt Vechta, Vechta 2013

Stadtverwaltung Vechta (Hrg.), Stolpersteine in Vechta, online abrufbar unter: rathaus-vechta.de (Anm. Chronologie der Steinverlegungen)

Vechta mit Goldenstedt und Lohne, in: alemannia-judaica.de

Jens-Christian Wagner (Red.), VECHTA – Novemberpogrome 1938 in Niedersachsen, Hrg. Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, online abrufbar unter: pogrome1938-niedersachsen.de/vechta/