Walsrode (Niedersachsen)

Datei:Walsrode in HK.svg Walsrode ist mit derzeit ca. 24.000 Einwohnern eine Kleinstadt im Heidekreis in Niedersachsen - ca. 60 Kilometer nördlich der Landeshauptstadt Hannover gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Walsrode-1653-Merian.jpg

Walsrode - Stich M. Merian, um 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Anfang des 18.Jahrhunderts durfte sich der erste „Schutzjude“ in Walsrode niederlassen; seinen Lebensunterhalt verdiente er vermutlich als Kleinhändler oder Pfandleiher. Nach knapp zwei Jahrzehnten verließ die Familie den Ort wieder, um sich in Celle anzusiedeln. Der Magistrat wollte ihm in Walsrode keinen Beerdigungsplatz zur Verfügung stellen. Im Verlaufe des 18.Jahrhunderts lebten stets nur sehr wenige jüdische Familien zeitweilig in Walsrode; das mag an der schlechten Wirtschaftslage und der geringen Kaufkraft der hiesigen Bevölkerung gelegen haben. Doch mit der Konzessionierung des Handels mit einem breiteren Warenangebot verbesserte sich die Wirtschaftslage der jüdischen Familien im Ort, und ihre Ansässigkeit wurde nun dauerhafter.

Nach 1750 fanden in Walsrode zusätzlich zu den Krammärkten zweimal im Jahr Pferde-, Vieh-, sowie Woll- und Flachsmärkte statt. Diese wurden verstärkt von jüdischen Händlern aufgesucht - stets beargwöhnt von den heimischen Kaufleuten. Doch mit der Etablierung des sesshaften Einzelhandels Anfang des 19. Jahrhunderts nahm die Bedeutung dieser Märkte ab.

Mitte des 19.Jahrhundert waren in Walsrode neun „Handelsjuden“ und fünf jüdische Metzger tätig; Viehhandel spielte zu diesem Zeitpunkt hier keine Rolle mehr. Etwa die Hälfte der Familien lebte am Rande des Existenzminimums, die anderen gelangten zu gewissem Wohlstand.

Nach der Konstituierung einer kleinen Gemeinde wurden seit etwa 1760 regelmäßig Gottesdienste in einem Privathause in der Moorstraße abgehalten; hier befand sich auch der Schulraum. Erst 1849 gelang es der jüdischen Gemeinde, nach langen Rechtsstreitigkeiten ein eigenes Synagogengebäude in der Langen Straße einzuweihen. Das Gebäude beherbergte im Erdgeschoss neben einem Synagogenraum (mit Empore für Frauen und Kinder) auch einen Schulraum; im ersten Stock war die Wohnung für den Lehrer untergebracht.

Synagoge (am rechten Bildrand) in der Langen Straße (aus: Postkartensammlung Fotohaus Clausing, Walsrode)

Eine jüdische Schule ist erstmals 1753 nachweisbar; sie war zunächst nur Religions-, später dann auch Elementarschule; wegen häufigen Lehrerwechsels konnte allerdings nicht regelmäßig Unterricht erteilt werden. So verlor die Schule 1878 endgültig ihren Status als Elementarschule und war fortan für die wenigen jüdischen Kinder nur Religionsschule; ab der Jahrhundertwende führte ein jüdischer Wanderlehrer aus Verden den Unterricht durch.

Ihre Verstorbenen beerdigte die Judenschaft Walsrodes zunächst im etwa 30 Kilometer entfernten Hoya; der Leichenzug war zwei bis drei Tage unterwegs. Erst 1805/1806 wurde den jüdischen Bewohnern ein ortsnaher, kleiner Begräbnisplatz zugewiesen, der um 1860 in den Besitz der Gemeinde überging. Der Synagogengemeinde Walsrode waren auch die wenigen jüdischen Familien aus Soltau angeschlossen; in Soltau gab es auch einen kleinen Friedhof.

Ab 1921 bzw. 1924 gehörten auch die Juden aus Rethem und Ahlden zur Walsroder Gemeinde.

Juden in Walsrode:

        --- um 1730 .........................  6 jüdische Familien,

    --- um 1770 .........................  7     “       “   (ca. 30 Pers.),

    --- 1814 ............................ 45 Juden,

    --- 1823 ............................ 57   “  ,

    --- 1864 ............................ 68   “  ,

    --- 1877 ............................  8 jüdische Familien,

    --- 1885 ............................ 30 Juden,

    --- 1895 ............................ 21   “  ,

    --- 1905 ............................ 24   “  ,

    --- 1910 ............................ 19   “  ,

    --- 1925 ............................ 12   “  ,

    --- 1933 ............................  9   “  ,

    --- 1939/40 .........................  2   “  ,

    --- 1943 (Juli) .....................  keine.

Angaben aus: Stephan Heinemann, Jüdisches Leben in den nordostniedersächsischen Kleinstädten Walsrode u. Uelzen

In den 1860er Jahren erreichte die Zahl der Gemeindemitglieder ihren Höchststand. Allerdings hatte sich nur wenige Jahrzehnte später ihre Zahl mehr als halbiert - eine Folge der Abwanderung in die wirtschaftlich attraktiveren Großstädte. - Die in Walsrode lebenden jüdischen Familien unterhielten zwar private Kontakte mit der christlichen Bevölkerungsmehrheit und waren um Assimilierung bemüht, doch behielten sie bis in die NS-Zeit hinein ihre religiöse Grundhaltung bei: So ließen sie an jüdischen Feiertagen ihre Geschäfte geschlossen und besuchten mit der ganzen Familie die Synagoge; einige lebten sogar nach orthodoxen Ritus.

Zur Zeit der NS-Machtübernahme 1933 lebten nur noch sehr wenige Juden in Walsrode, die durch Boykottmaßnahmen und Einschüchterung der örtlichen Nationalsozialisten bald ihre Geschäfte aufgaben.

Das letzte noch in Walsrode bestehende jüdische Geschäft (Textilgeschäft Hurwitz, am Kirchplatz) wurde am 9.November 1938 von einheimischen SA-Männern in Brand gesteckt; der Feuerwehr wurde das Löschen des brennenden Hauses durch die anwesenden SA-Männer untersagt.

aus: "Walsroder Zeitung" vom 10.11.1938

Auch im nahen Soltau verwüsteten SA-Angehörige und aufgehetzte Schüler das letzte jüdische Geschäft am Ort.

Das Synagogengebäude in Walsrode entging einer Zerstörung, da in ihm schon seit Jahren „arische“ Mieter wohnten und diese im Erdgeschoss ein Geschäft betrieben. 1939 wurde das Synagogengebäude vom letzten Gemeindemitglied verkauft; drei Jahre später ging das Friedhofsgelände in den Besitz der Kommune über. Das letzte noch in Walsrode lebende jüdische Ehepaar wurde im Sommer 1943 nach Theresienstadt deportiert.

 

Das ehemalige Synagogengebäude dient heute als Wohn- und Geschäftshaus.

Die jüdische Begräbnisstätte umgibt eine rote Ziegelsteinmauer; durch ein schmiedeeisernes Tor gelangt man auf das recht gepflegte wirkende Gelände; die alten Grabsteine sind zumeist mit hebräischen und deutschen Inschriften versehen.

  

Jüdischer Friedhof in Walsrode (Aufn. Axel H., 2009, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

  Am 50. Jahrestag des Novemberpogrom von 1938 brachte die Stadt Walsrode an der Friedhofsmauer eine Gedenktafel für ihre ehemaligen jüdischen Bewohner an; deren Inschrift lautet:

„Zur Erinnerung an unsere während der Zeit von 1933 bis 1945 verfolgten, vertriebenen und ermordeten jüdischen Mitbürger.

Vergangenes soll nicht vergessen sein - Vergessen führt in die Gefangenschaft

Erinnern ist das Geheimnis der Befreiung

10. November 1988   Rat und Bürger der Stadt Walsrode“

Seit 2009 wurden auch in den Straßen von Walsrode sog. „Stolpersteine“ verlegt, so in der Moorstraße, Langen Straße und am Kirchplatz.

    Bildergebnis für walsrode stolpersteineStolpersteine in Walsrode (Aufn. aus: pogrome1938-niedersachsen.de/walsrode)

 

Im nahen Soltau erinnert seit 1988 die Wegebezeichnung „Simon-Aron-Gang“ an den angesehenen jüdischen Viehhändler Simon Aron, der jahrzehntelang das Amt des Bezirksarmenvorstehers bekleidete. Eine von der Marktstraße abgehende Gasse heißt heute „Sally-Lennhoff-Gang“. 

Auf dem kleinflächigen jüdischen Friedhof (am Böningweg) befinden sich neun Grabsteine bzw. Grabsteinreste, die an verstorbene Juden aus Soltau und Umgebung erinnern, die hier von 1721 bis 1926 beigesetzt sind. Die letzte Beerdigung fand 1926 statt (Simon Aron). Während des Zweiten Weltkrieges wurden die hier befindlichen Grabsteine zerstört bzw. „verschwanden“. Seit 1993 ist das Begräbnisgelände ein „Kulturdenkmal“.

Acht Beton-Stelen erinnern seit 2008 an die gegen Kriegsende umgekommenen Häftlinge eines Zugtransportes der „Heide-Bahn“, der auf dem Wege ins KZ Bergen-Belsen war. Auf die nach einem Bombenangriff sich in die nahen Wälder geflüchteten Häftlinge wurde zur Hatz aufgerufen; zahlreiche Häftlinge kamen hier ums Leben; ihre Leichen wurden verscharrt.

File:Soltau Holocaust-Mahnmal.jpg Mahnmal bei Soltau (Aufn. E., 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die Tafel trägt die folgende Inschrift: „Auf ihrem Leidensweg in das Konzentrationslager Bergen-Belsen flohen am 11. April 1945 Häftlinge aus Transportzügen. Gequält und fast verhungert suchten sie Schutz vor weiterer Verfolgung. Angehörige nationalsozialistischer Organisationen, Soldaten der Wehrmacht und Soltauer Bürger stöberten sie auf, ermordeten sie und verscharrten ihre Leichen in diesem Waldgebiet. Mit diesem Denkmal erinnert die Stadt Soltau an die über 90 Ermordeten und ebenso an alle Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Es wurde errichtet aus Musterstelen des Berliner Holocaust-Denkmals.“

 

Die in Ahlden beheimatete kleine jüdische Gemeinschaft setzte sich im 19.Jahrhundert aus kaum 30 Personen zusammen; eine erste Ansässigkeit einer Familie mosaischen Glaubens – der Familie des Schlachters und Altwarenhändlers Herz Meyer - ist 1801 nachgewiesen, die einen zunächst auf fünf Jahre befristeten Schutzbrief besaß. Anfang der 1830er Jahre gab es sieben Schutzjuden in Ahlden.

Gemeinsam mit einem Händler aus Rethem erwarb Herz Meyer einen Begräbnisplatz in Ahlden, der Jahre später durch einen anderen ersetzt wurde; die erste Beerdigung fand hier 1817 statt.

Um 1875 verfügten die Ahldener Juden über einen Betraum. Es gab weder eine Religionsschule noch einen Lehrer; ein Vorbeter und Schächter führte die religiös-rituellen Besorgungen aus.

Juden in Ahlden:

--- 1801 ......................... eine jüdische Familien,

--- 1812 ......................... 17 Juden,

--- 1848 ......................... 22   "  ,

--- 1861 ......................... 26   “  ,

--- 1871 ......................... 25   “  ,

--- 1885 ......................... 18   “  ,

--- 1895 .........................  2   “  ,

--- 1905 .........................  3   “  ,

--- 1925 .........................  5   “  ,

--- 1933 .........................  4   “  ,

--- 1939 .........................  keine.

Angaben aus: Sibylle Obenaus (Bearb.), Ahlden, in: H. Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Band 1, S. 103

1937 verließ die letzte jüdische Familie Ahlden in Richtung Hamburg; von hier aus erfolgte 1942 deren Deportation nach Auschwitz, wo die vierköpfige Familie ermordet wurde.

Ein kleiner Friedhof mit 16 Grabsteinen erinnert heute noch an die ehemaligen jüdischen Ahldener Einwohner; der älteste Stein datiert 1832.

Jüdischer Friedhof Ahlden.JPG Zwei Grabsteine, Ahldener Friedhof (Aufn. Chr.SW, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

 

In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts erreichte die jüdische Gemeinde in Rethem mit knapp 60 Angehörigen ihren Höchststand; der erste für Rethem ausgestellte Schutzbrief datiert aus dem Jahre 1716. Um 1800 lebten acht Familien in der Kleinstadt, die ihren Lebenserwerb im Geldverleih, in der Metzgerei und im Landesproduktenhandel bestritten. Zu den gemeindlichen Einrichtungen des 1844 gegründeten Synagogenverbandes zählten eine zehn Jahre später in einem angekauften Hause neu eingerichtete Synagoge in der Langen Straße (bei einem Schadensfeuer zerstört und wieder aufgebaut) und ein eigener Friedhof im nahen Dorfe Wohlendorf; vor 1850 waren Verstorbene auf dem jüdischen Sammelfriedhof in Hoyerhagen beerdigt worden.

Juden in Rethem:

--- um 1752 .......................  2 jüdische Familien,

--- 1772 ..........................  5     “        “   ,

--- 1803 ..........................  8     “        “   ,

--- um 1830 ......................  7     “        “   ,

--- 1848 .......................... 53 Juden,

--- 1861 .......................... 20   “  ,

--- 1871 .......................... 25   “  ,

--- 1885 .......................... 17   “  ,

--- 1895 .......................... 12   “  ,

--- 1905 ..........................  9   “  ,

--- 1925 ..........................  2   “  .

Angaben aus: Sibylle Obenaus (Bearb.), Rethem, in: H. Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Band 2, S. 1303

Um 1900 war die Gemeinde in Auflösung begriffen; die wenigen Rethemer Juden schlossen sich 1921 der Walsroder Gemeinde an. Bereits Jahre vor dem Ersten Weltkrieg war der Betraum aufgegeben worden.

Zu Beginn der NS-Zeit lebte nur noch eine einzige jüdische Familie in Rethem.

Der im Rethemer Ortsteil Wohlendorf befindliche jüdische Friedhof weist heute noch fünf Grabsteine auf, die aus den Jahren von 1851 bis 1891 stammen.

 

Weitere Informationen:

Hans Stuhlmacher, Geschichte der Stadt Walsrode, Walsrode 1964

Ulrike Begemann, Soltau in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit (1918 - 1948), Soltau 1987

Wilhelm Steffens, Rethem an der Aller. Stadtgeschichte in historischen Aufnahmen bis 1945, Horb 1989

Stephan Heinemann, Zwischen Anpassung und Alltag 1933 - 1945. Walsroder Bürger erinnern sich, Walsrode 1992

Stephan Heinemann, Jüdisches Leben in den nordostniedersächsischen Kleinstädten Walsrode und Uelzen, in: "Schriftenreihe des Bundes der Freunde des Heidemuseums Walsrode e.V.", Band 14, Walsrode 2001

Stephan Heinemann, Synagogengemeinde Walsrode, in: www.unics.uni-hannover.de/hdb-synagogen-nds/Walsrode.htlm

Stephan Heinemann (Bearb.), Walsrode, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 1528 – 1533

Sibylle Obenaus (Bearb.), Ahlden, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 1, S. 103 - 108

Sibylle Obenaus (Bearb.), Rethem, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 1303 - 1308

Stefan Schlag (Red.), Die Stelen von Soltau, in: „Hamburger Abendblatt“ vom 11.4.2007

Karl-Ludwig Barkhausen, Der Soltauer Schutzjude Kusel, in: "Jahrbuch. Landkreis Soltau-Fallingbostel", Fallingbostel 2010, S. 122 - 130

Helmut Kuzina (Red.), Auf den Spuren jüdischer Vergangenheit in Walsrode, in: myheimat.de/walsrode/gedanken vom 14.5.2011

Felix-Nussbaum-Schule Walsrode (Hrg.), Erinnerte Leben – Stolpersteine in Walsrode, Walsrode 2011

F. Raczkowski (Red.), Eine Synagoge in der Langen Straße in Rethem, in: „Kreiszeitung" vom 11.11.2013

Stephan Heinemann (Red.), WALSRODE – Novemberpogrome 1938 in Niedersachsen, Hrg. Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, online abrufbar unter: pogrome1938-niedersachsen.de/walsrode/