Wanfried/Werra (Hessen)

Datei:Wanfried ESW.svg Wanfried ist ein Landstädtchen mit derzeit ca. 4.200 Einwohnern im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis – ca. 30 Kilometer vom thüringischen Eisenach entfernt gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Wanfried a. d. Werra  –  Merian-Stich, um 1660 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg sollen wenige jüdische Familien in Wanfried gelebt haben, die unter landgräflichem Schutz standen. Der Ort, dem um 1610 die Stadtrechte verliehen wurden, war Endpunkt der Werraschifffahrt und bot so günstige Handelsmöglichkeiten. Die wachsende Zahl der in Wanfried ansässigen Juden führte bald zu Widerstand bei der christlichen Bevölkerungsmehrheit. Diese forderte vom Landesherrn eine Reduzierung des jüdischen Bevölkerungsteils, weil Juden „durch ihre Pfandleihe Zwietracht in christlichen Familien stifteten [und] ein aufgeblasenes Wesen” an den Tag legten.

Während des Dreißigjährigen Krieges lebten in Wanfried jahrelang keine Juden; erst in den Folgejahrzehnten siedelten sich langsam wieder Juden hier an. Ihren Höchststand erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen gegen Mitte des 19.Jahrhunderts.

Die erste am Ort bestehende Synagoge wurde im Laufe des Dreißigjährigen Krieges zerstört. Ein danach in der Windgasse errichtetes Synagogengebäude, das viele Jahrzehnte genutzt worden war, wurde an gleicher Stelle durch einen Neubau ersetzt, der 1890 eingeweiht wurde.

                         Synagoge in Wanfried (Skizze F. Sendelbach, 1891)

Religiöse Aufgaben der Gemeinde waren einem angestellten Lehrer zugewiesen, der – wie es in kleineren Gemeinden üblich war – auch als Vorbeter und Schächter tätig war. Von den in Wanfried amtierenden Lehrern sind besonders zwei zu nennen, die durch ihre jeweils mehrere Jahrzehnte dauernde Tätigkeit hervortraten: L. L. Tannenbaum (von 1839 bis 1866) und Joseph Oppenheim (von 1873 bis 1904).

Die jüdische Elementarschule in Wanfried wurde 1904 auf Grund der deutlich zurückgegangenen Schülerzahl geschlossen; danach bestand bis 1909 eine jüdische Privatschule, die von maximal acht Schülern besucht wurde. Nach 1909 gab es hier nur noch die Religionsschule.

Der auf einer Anhöhe in Richtung Treffurt gelegene jüdische Friedhof war bereits um 1550 angelegt worden; einige der im Boden versunkenen Grabsteine sollen aus der Frühzeit seiner Belegung stammen.

Die Gemeinde Wanfried unterstand dem Provinzial-Rabbinat Niederhessen mit Sitz in Kassel.

Juden in Wanfried:

    --- 1573 ..........................   2 jüdische Familien,

    --- um 1600 .......................  13    “         “   ,

    --- um 1610 .......................  21    “         “   ,

    --- um 1640 .......................  keine,

    --- 1646 ..........................   6    “         “   ,

    --- 1664 ..........................  14    "         "   ,

    --- 1745 .......................... 102 Juden (in 21 Familien),

    --- 1812 ..........................  35 jüdische Familien,

    --- 1835 .......................... 122 Juden,

    --- 1861 .......................... 139   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1871 .......................... 107   "   (ca. 5% d. Bevölk.)

    --- 1885 ..........................  88   “  ,

    --- 1895 ..........................  86   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1905 ..........................  80   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1925 ..........................  44   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1933 ..........................  38   “  ,

    --- 1937 (Nov.) ...................   5   “  ,

    --- 1939 ..........................   keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 343

und                 K.Kollmann/Th.Wiegand, Spuren einer Minderheit - Judenfriedhöfe und Synagogen..., S. 24/25

Im 19.Jahrhundert übten viele Juden in Wanfried einen Handwerkerberuf aus; so gab es je fünf Schuster und Schneider, sowie einen Bäcker, Färber, Horndreher und Baumwollweber. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang des kleinen Städtchens nach 1860 war auch ein deutlicher Rückgang der Angehörigen der Kultusgemeinde zu verzeichnen, der sich nach der Jahrhundertwende noch beschleunigte.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20304/Wanfried%20Israelit%2008121902.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20222/Wanfried%20FrfIsrFambl%2026051905.jpgAnzeigen des Kurzwarengeschäftes J.Goldmann jr. (1903/1905)

Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch knapp 40 Juden in Wanfried; mit Handel und kleineren Ladengeschäften hatten sie ihr Auskommen.

Bis 1938 verließen die allermeisten hier ansässigen Juden ihren Heimatort; mehrheitlich zogen sie in andere deutsche Städte. Über ihr weiteres Schicksal ist kaum etwas bekannt.

Aus einem Artikel der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 4. November 1937: „Marburg. Die Jüdische Gemeinde in Wanfried bei Eschwege hat sich nach Wegzug der letzten Familie aufgelöst. - Die Synagoge soll verkauft werden. Der Friedhof wird in Zukunft von der Gemeinde Eschwege verwaltet werden.“  Nach der Auflösung der jüdischen Gemeinde ging das Synagogengebäude in Privathand über; vermutlich wurde es bereits 1938 abgerissen und das Abbruchmaterial zum Hausbau benutzt.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ sind 26 gebürtige bzw. längere Zeit am Ort ansässig gewesene jüdische Bewohner Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe. alemannia-judaica.de/wanfried_synagoge.htm)

 

Heute erinnert nur noch der jüdische Friedhof an die ehemalige israelitische Gemeinde von Wanfried; ein Teil der älteren Grabsteine ist im Waldboden versunken.

Ansichten vom jüdischen Friedhof in Wanfried (beide Aufn. Dublin, 1990, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Aufn. Chr. Braun, aus: wikipedia.org, CCO

Über einem Eingangstor eines Fachwerkhauses in der Windsgasse, das einst einem jüdischen Einwohner gehört haben muss, kann man noch die hebräische Inschrift sehen: „Bis hundert Jahre soll es sich mehren. Amen - so soll es (der Wille Gottes) sein. Schimschon Bar Kalonymus, Montag, den 26. Kislew (5)381 (= 21.Dezember 1620)“.

 

Weitere Informationen:

Abraham Cohn, Beiträge zur Geschichte der Juden in Hessen-Kassel im 17. und 18.Jahrhundert, Marburg 1933 (Dissertation)

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 343 - 345

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - was geschah seit 1945 ? Verlag K.R. Langewiesche Nachfolger Hans Köster Verlagsbuchhandlung, Königstein (Taunus) 1988

K.Kollmann/Th.Wiegand, Spuren einer Minderheit - Judenfriedhöfe und Synagogen im Werra-Meißner-Kreis, Verlag Jenior & Pressler, Kassel 1996, S. 24/25 und S. 106/107

Wanfried, in: alemannia-judaica.de (mit einigen Dokumenten zur jüdischen Gemeindehistorie)

Ehemaliges jüdisches Haus Windsgasse 5 (Stadtrundgang), online abrufbar unter: wanfried.de