Wassertrüdingen (Mittelfranken/Bayern)

 Ansbach (Landkreis) KarteWassertrüdingen ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 6.000 Einwohnern im mittelfränkischen Landkreis Ansbach – ca. 55 Kilometer südwestlich von Nürnberg gelegen (Karte aus:  ortsdienst.de/bayern/landkreis Ansbach).

In der den hohenzollerschen Markgrafen von Ansbach gehörenden Kleinstadt lebten im 14./15.Jahrhundert nur sehr wenige jüdische Familien; so soll es um 1480 hier drei „Judenhäuser“ gegeben haben. Die Anfänge einer jüdischen Gemeinde in Wassertrüdingen reichen bis in die Mitte des 17.Jahrhunderts zurück, in eine Zeit, als der Ort nach der völligen Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg neu aufgebaut wurde.

Im ausgehenden 17. und im 18.Jahrhundert war Trüdingen Sitz eines Rabbinats, das für die jüdischen Gemeinden im Umkreis Bedeutung besaß.

Laut der Matrikel von 1815 durften sich 25 jüdische Familien in der Kleinstadt ansiedeln; fast ausschließlich verdienten sie ihren Lebensunterhalt im Handel.

... Sämtliche Juden treiben Handel mit Ellenwaren, womit sie auch hausieren, welches freilich streng zu verbieten sein dürfte, daß sie besonders durch Hausieren die christlichen Handelsleute und Tuchmacher zu sehr beeinträchtigen.

Erst später lassen sich in Wassertrüdingen auch einige jüdische Handwerker nachweisen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts lag der Viehhandel der Stadt ausschließlich in jüdischer Hand; über den Bahnanschluss Wassertrüdingens wurden z.B. die Großmärkte in süddeutschen Großstädten beliefert.

In der Kapellgasse besaß die um 1800 aus etwa 30 Familien bestehende jüdische Kultusgemeinde ihr Gemeindehaus, das neben einem Betsaal auch die Schule beherbergte. Mit dem Anwachsen der Zahl der Gemeindemitglieder wurde auch der Neubau eines Synagogengebäudes notwendig; dessen Einweihung erfolgte im Januar 1861. Bei der Grundsteinlegung wurde dem Bau ein in deutscher und hebräischer Sprache abgefasster Text beigefügt: 

Ach Herr! zeige uns Deine Gnade und schenke uns Deine Hilfe! So feiern wir heute mit dem Willen Gottes in unserer Gemeinde Wassertrüdingen die Grundsteinlegung einer neuen Synagoge. Nach vielen Hindernissen und mehrjährigem Kampfe wurde durch das eifrige Streben des jetzigen Kultusvorstehers David Bär Gutmann, im Jahre der Welt 5619 in der hiesigen israelitischen Gemeinde, trotzdem dieselbe gegenwärtig nur aus 26 Familien besteht, zum Neubau unserer Synagoge geschritten ..., und wir erhielten auch sogleich die Genehmigung hierzu unter der glorreichen Regierung Seiner Majestät des Königs von Bayern, Max des II. - Er lebe hoch!
Durch einen schrecklichen Krieg Frankreichs und Sardinien einerseits, und Österreich andererseits, welcher in der Zwischenzeit ausbrach und durch diesen Krieg ganz Deutschland bedeckt war, wurde der Neubau der Synagoge sechs Monate lang verschoben. Da sich aber darauf Gottes Hilfe dieser Krieg durch den Friedensabschluss von Villafranco zwischen Kaiser Napoleon von Frankreich, Viktor Emanuel König von Sardinien und Franz von Österreich schnell zum Guten wendete, so wurde im Monat September 1859 mit dem Abbruch der alten Synagoge begonnen. ... Zur Bestreitung der sämtlichen Ausgaben, welche sich ungefähr auf 8.000 Gulden berechnen, besitzt die hiesige Gemeinde ... nahezu 5.000 Gulden. Die noch fehlenden 3.000 Gulden wurden aus der städtischen Sparkasse zu 4 % Darlehensweise aufgenommen, ... Der in unserer Gemeinde bestehende religiöse Sinn, ist uns seit Jahrhunderten durch fromme Rabbiner gelehrt und gepredigt worden und gedenken und hoffen wir diesen Sinn auch auf unsere Nachkommen zu vererben. ... “

              In der Ortschronik Wassertrüdingens wurde die Synagoge folgendermaßen beschrieben:

... Der etwa 100 m² große Betraum war von der Südseite zu betreten. Während die Frauen über einen Treppenaufgang zur Empore gelangten, die sich rings um den Saal zog, erinnerte eine ausgestreckte eiserne Hand, daß vor dem Betreten des Saales ein Obulus zu entrichten war. Unter der Ostwand erhob sich der eingezäunte Altar, über dem in einer silbernen Schale das ewige Licht brannte. Der siebenarmige Chanukaleuchter zierte den Opfertisch und ein Thorawimpel erinnerte an die Gebote Gottes. Zwei bronzene Kronleuchter ... sorgten ... jederzeit für ein ausgewogenes Licht. Hölzerne Bänke füllten den Innenraum und in Holzkästchen vor ihren Sitzen verwahrten die Juden ihre schwarzen Kaftane, die sie während der Gottesdienste trugen.

(aus: Ortschronik von Wassertrüdingen, S. 307)

                               Thoravorhang Synagoge W. (Th. Harburger, 1928)

Stellenausschreibungen von 1867 – 1877 – 1887:

Die jüdischen Kinder besuchten zusammen mit den christlichen Kindern die hiesige Volksschule; nur Religionsunterricht erteilte ein von der Kultusgemeinde besoldeter jüdischer Privatlehrer.

Ihre letzte Ruhe fanden verstorbene Gemeindeangehörige auf dem von den Ansbacher Markgrafen angelegten israelitischen Friedhof bei Bechhofen; dieses Areal nutzten weitere 16 Gemeinden der Region. 

Nach Auflösung des hiesigen Rabbinats gehörte die religiös-orthodoxe Wassertrüdinger Gemeinde seit der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zum Distriktrabbinat Oettingen-Wallerstein.

Juden in Wassertrüdingen:

         --- 1676 ........................   9 jüdische Familien,

--- um 1715 .....................  17      “       “   ,

    --- 1741 ........................  24      “       “   ,

--- um 1815 .....................  25      “       “   ,

--- 1824 ........................ 149 Juden,

    --- 1832 ........................  32 jüdische Familien (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- um 1850 ..................... 150 Juden,

    --- 1861 ........................ 145   “  ,

    --- 1867 ........................ 122   "   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1880 ........................  68   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1900 ........................  50   “  ,

    --- 1910 ........................  27   “  ,

    --- 1925 ........................  28   “  ,

    --- 1933 ........................  29   “  ,

    --- 1938 (Nov.) .................   6 jüdische Familien,

    --- 1939 (Jan.) .................   keine.

Angaben aus: Die Wassertrüdinger Judengemeinde bis zu ihrer vollständigen Auflösung, in: Ortschronik, S. 290 - 310

                                       Bildergebnis für wassertrüdingen historisch Marktplatz von Wassertrüdingen, hist. Postkarte

Der jüdische Bevölkerungsteil war um die Jahrhundertwende in die kleinstädtische Gesellschaft weitgehend integriert; durch ihre Mitgliedschaften in lokalen Vereinen und ihre Mitarbeit auf kommunal-politischer Ebene waren sie in das soziale Leben Wassertrüdingens eingebunden. Ihrer religiös-orthodoxen Grundhaltung blieb die Gemeinde aber bis in die 1930er Jahre treu.

Nach der NS-Machtübernahme 1933 begann auch in Wassertrüdingen die Abwanderung bzw. Emigration der jüdischen Familien, die sich durch den immer schärfer werdenden Antisemitismus bedroht und ihrer Wirtschaftsgrundlage mehr und mehr beraubt sahen.

In den Morgenstunden des 10.November 1938 wurden der Innenraum der Synagoge geschändet, Ritualgegenstände und Inventar zertrümmert. Damals lebten nur noch sechs jüdische Familien am Ort; wenige Monate später hatten auch sie ihrer Heimatgemeinde den Rücken gekehrt, sodass der hiesige Bürgermeister im Januar 1939 verkünden konnte, dass die Stadt Wassertrüdingen „judenfrei” sei. 1944 hielt sich nur eine „in Mischehe“ verheiratete Jüdin am Ort auf; sie überlebte hier die Kriegsjahre.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem wurden 16 gebürtige Juden aus Wassertrüdingen Opfer der NS-Gewaltherrschaft (namentliche Nennung der betroffenen Personen in: alemannia-judaica.de/wassertruedingen_synagoge.htm)

 

Das einstige Synagogengebäude in der Kapellgasse ist heute noch vorhanden - allerdings baulich vollkommen verändert. Eine Informationstafel erinnert an dessen einstige Nutzung wie folgt:

Ehemalige Synagoge

1860 von der israelitischen Kultusgemeinde nach Plänen des Gunzenhausener Baubeamten Hauser erbaut.

1938 im Zuge der Judenverfolgung als Gotteshaus geschlossen.

Zerstörung unterblieb wegen Gefährdung angrenzender Wohnbebauung.

 

2008 wurde eine Gedenktafel am Geburtshaus von Hans Nathan Kohn (1866–1935) angebracht. Er war der Sohn einer alteingesessenen jüdischen Familie, die im Ort hohes Ansehen genoss. Prof. Hans N. Kohn erwarb sich als Internist besondere Verdienste im Bereich der Lungenforschung. Er verstarb 1935 in Berlin.

 

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, München/Wien 1979, S. 238/239

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 197

Germania Judaica, Band III/2, Tübingen 1995, S. 1555/1556

Norbert Ott, Zwischen Ghetto und Konzentrationslager. Vom Leben der Juden in Wassertrüdingen, unveröffentl. Manuskript, 1995

Die Wassertrüdinger Judengemeinde bis zu ihrer vollständigen Auflösung, aus: Ortschronik von Wassertrüdingen, o.J., S. 290 – 310

Ralf Rossmeissl, Jüdische Heimat Wassertrüdingen, Maschinenmanuskript, 2005

Michael Hortsch, Dr. Hans Nathan Kohn - ein Berliner jüdischer Arzt und Forscher am Vorabend des Nationalsozialismus, in: "Berlin Medical", 4. Jg, Aug. 2007, S. 26 - 28

B. Eberhardt/C. Berger-Dittscheid, Wassertrüdingen, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 2, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2010, S. 712 – 723

Günther Reese, Spuren jüdischen Lebens rund um den Hesselberg, in: Kleine Schriftenreihe Region Hesselberg, Band 6, Unterschwaningen 2011 (u.a. auch Wassertrüdingen erwähnt)

Wassertrüdingen, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten/Zeitungsbertichten zur jüdischen Ortsgeschichte)