Wassenberg (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Wassenberg in HS.svg Wassenberg ist eine an der Grenze zu den Niederlanden gelegene Kommune mit derzeit ca. 17.000 Einwohnern im Kreis Heinsberg – ca. 30 Kilometer südwestlich von Mönchengladbach gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In Wassenberg gab es eine der vier ältesten israelitischen Gemeinden am Niederrhein; deren erste urkundliche Erwähnung erfolgte bereits im 14.Jahrhundert. Flurbezeichnungen wie „Judenbruch“, „Judenweg“ und „Judenpfad“ deuten auf die frühe Anwesenheit von Juden hin. Der heutige Wassenberger Stadtpark - eine im 19. Jahrhundert kultivierte Waldlandschaft - trägt von alters her die Bezeichnung „Judenbruch“ und war vermutlich das spätmittelalterliche jüdische Begräbnisgelände, das den damals hier lebenden jüdischen Familien als Pachtland zur Verfügung gestellt worden war.

Die Anlage des (neuzeitlichen) jüdischen Friedhofs an der Roermonder Straße erfolgte um 1690.

Wassenberg im frühen 19.Jahrhundert - Heimatkalender des Kreises Heinsberg 1973 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Die jüdische Gemeinde Wassenbergs war immer recht klein. Im Jahre 1808 wurden 42 Juden in Wassenberg und Birgelen gezählt; auch im Verlaufe des 19.Jahrhundert waren es kaum mehr als 40 Personen; zu Beginn der 1930er Jahre setzte sich die Gemeinde aus knapp 30 Angehörigen zusammen.

Am 10.Nov. 1938 wurde die in „Storms Jätzke“ gelegene Synagoge - sie war 1867 am Fuße des Burgberges errichtet worden - in Brand gesteckt und eingeäschert, der jüdische Friedhof zerstört. 1942 erfolgte die Deportation der nur wenigen jüdischen Familien.

Der ehemalige Standort der Synagoge – nur ca. 250 Meter vom Wassenberger jüdischen Friedhof entfernt – ist heute eine unbebaute Fläche; eine Gedenktafel an einer Mauer trägt die knappe Inschrift „Standort der ehemaligen Synagoge – zerstört am 10. November 1938“.

So könnte das Bethaus der Wassenberger Juden ausgesehen haben, wie es in einer colorierten Zeichnung der Wassenberger Malerin Maria Brosch (gest. 2016) dargestellt ist (Abb. aus: bernd-limburg.de).

2015 wurde der Platz an der Synagogengasse neu gestaltet: Die hier entstandene Gedenkstätte soll künftig als Mahnmal gegen das Vergessen, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus dienen (Abb. siehe unten).

Auf dem jüdischen Friedhof, der bis 1930 belegt wurde, sind noch 17 Grabsteine vorhanden. Eine Stele auf dem Begräbnisgelände an der Roermonder Straße erinnert an das Schicksal der kleinen Gemeinde.

Jüdischer Friedhof und Gedenkstein für die Familie Reis* (Aufn. Bernd Limburg, 2014, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

* Der nach Kanada emigrierte Walter Reis ließ im Jahre 1992 für seine im KZ Bergen-Belsen umgekommene Schwester Betty R. und seine Großeltern Jacob und Johanna Hertz einen Gedenkstein aufstellen; nach dem Tode von Walter Reis (2005) wurde dessen Name hinzugefügt.

Die Gesamtschule in Wassenberg trägt seit 1991 den Namen des jüdischen Mädchens Betty Reis (geb. 1921); sie wurde 1942 nach Lodz verschleppt; ihr Leidensweg endete schließlich in Bergen-Belsen, wo sie 1944 verstarb. Auf dem Schulhof der Betty-Reis-Schule in Wassenberg wurde 1993 ein Denkmal des Künstlers Hans Brockhage aufgestellt; die aus Eichenholz gefertigte Skulpturen - sechs hohe Stelen aus Mooreiche - sollen symbolhaft für den Leidensweg der Häftlinge in den Konzentrationslagern stehen.

Bildergebnis für betty reis schule skulptur "Der Trauerzug" - Mahnmal des Künstlers Brockhage (Aufn. aus: neue-saechsische-galerie.de)

Anm.: Diese Holzskulptur wurde 2013 wegen „mangelnder Standfestigkeit“ vom Schulhof entfernt. Anschließend diente das Mahnmal (genannt „Der Trauerzug“) als Ausstellungsobjekt in Berlin und anderen Städten, ehe es dann wieder nach Wassenberg kam, um wieder an seinen angestammten Standort aufgestellt zu werden.

Stolpersteine Wassenberg Am Roßplatz 14  verlegt am Roßplatz bzw. Roßtor (Aufn. aus: wikipedia.org)

Am 77.Jahrestag des Novemberpogroms wurde in Wassenberg die vom hiesigen Heimatverein initiierte kleine Gedenkstätte ihrer Bestimmung übergeben; diese befindet sich entlang einer Mauer an der Synagogengasse.

 

Weitere Informationen:

Wilhelm Frenken, Vom gelben Ring zum gelben Stern - Die Geschichte der Juden im Heinsberger Land, in: Heimatkalender des Kreises Heinsberg 1980, S. 103 ff.

Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken (Hrg.), Widerstand und Verfolgung im Kreis Heinsberg, o.O. 1981

Heinz-Peter Funken, Schicksal der Juden im Kreis Heinsberg, in: Museumsschriften des Kreises Heinsberg No. 4/1983, S. 93 – 100

Heribert Heinrichs, Wassenberg. Geschichte eines Lebensraumes, Mönchengladbach 1987, S. 423 - 432

Heribert Heinrichs, Betty Reis (1921 – 1944). Leben und Leiden eines jüdischen Mädchens aus Wassenberg, Geilenkirchen 1993

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Regierungsbezirk Köln, J.P.Bachem Verlag, Köln 1997, S. 438 – 445

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 232/233

Karl Lieck, „Walter Reis – Kindheit und Jugend“ - Broschüre (gestützt auf Tonbandprotokolle von Walter Reis)

Arbeitskreis „Jüdisches Leben“ (Hrg.), Jüdisches Leben in Wassenberg, online abrufbar unter: heimatverein-wassenberg.de

17 Grabsteine erinnern an eine lange Geschichte (jüdischer Friedhof Wassenberg), online abrufbar unter: heimatverein-wassenberg.de

Bernd Limburg, Denkmale in der Stadt Wassenberg – Der jüdische Friedhof in Wassenberg, online abrufbar unter: limburg-bernd.de

Daniel Gerhards (Red.), Gedenkstätte macht ehemalige Synagoge wieder sichtbar, in: „Aachener Zeitung“ vom 10.11.2015

Eröffnung der Gedenkstätte am Synagogenplatz am 11.11.2015, in: heimatverein-wassenberg.de

Auflistung der in Wassenberg verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Wassenberg

Anna Petra Thomas (Red.), Brockhage-Denkmal ist wieder in Wassenberg, in: "Aachener Zeitung“ vom 17.5.2018