Wernigerode/Harz (Sachsen-Anhalt)

 Landkreis Wernigerode (Provinz Sachsen) - Wikiwand Bildergebnis für landkreis harz ortsdienst karte Wernigerode ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 35.000 Einwohnern am Rande des Nordharzes (im Landkreis Harz) - ca. 20 Kilometer südwestlich von Halberstadt gelegen (Ausschnitt aus hist Karte, aus: wikiwand.com  und  Karte aus: ortsdienst.de/sachsen-anhalt/landkreis-harz).

Ansiedlungen von Juden in der Kleinstadt Wernigerode - sie lag am Schnittpunkt zweier Handelsstraßen - werden Anfang des 15.Jahrhunderts erstmals urkundlich erwähnt. Die Behausungen der jüdischen Familien lagen in der „Joddenstrate“, der heutigen Oberengengasse; ihr Friedhof - als „Keferlucht“ bezeichnet - befand sich außerhalb der Stadtmauern; dieser wurde vermutlich nach Ausweisung der Juden aus der Stadt 1592 beseitigt (Standort des mittelalterlichen Friedhofs ist unbekannt).

Vermutlich verlegten die aus Wernigerode vertriebenen Juden ihre Wohnsitze in benachbarte Ortschaften wie Derenburg und Halberstadt. Trotz Ausweisung durften Juden aber weiterhin auf den Jahrmärkten des Harzrandstädtchens anwesend sein und dort Handel treiben - gegen Zahlung eines „Leibzolls“. Wenigen Juden aus Derenburg war es außerdem erlaubt, auch außerhalb der Jahrmarkt-Zeiten hier ihre Waren anzubieten.

Wernigerode 1750.jpg Wernigerode um 1750 (Abb. aus: commons.wikimedia.org, CCO)

Erst Mitte des 19.Jahrhunderts durften sich Juden wieder in Wernigerode ansiedeln; doch zogen nur sehr wenige Juden hierher, sodass die Schaffung einer eigenen Gemeinde mit den entsprechenden rituellen Einrichtungen ausblieb. Auch nach der bürgerlichen Gleichstellung im Deutschen Kaiserreich siedelten sich nur wenige jüdische Familien in Wernigerode an. 1874 gab es lediglich fünf – sie machten 17 Personen (von ca. 7.000 Einwohnern) aus; zehn Jahre später waren es neun Familien; zumeist suchten sie die Synagoge in Derenburg auf.

1879 wurden die wenigen Wernigeröder Juden in die jüdische Gemeinde von Derenburg aufgenommen. Über die Geschichte der Derenburger Judengemeinde ist kaum etwas bekannt. Sicher ist, dass es am Ort „seit alter Zeit“ einen jüdischen Friedhof gegeben hat.

Juden in Wernigerode:

        --- 1859 .......................... eine jüdische Familie,

    --- 1874 ..........................  5     “        “   n,

    --- 1884 ..........................  9     “        “   n,

    --- 1913 .......................... 33 Juden,

    --- 1925 .......................... 22   “  ,

    --- 1933 .......................... 16   “  ,

    --- 1939 .......................... 18   “  ,

    --- 1942 .......................... keine.

Angaben aus: Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Band I, S. 349 - 354

    Geschäft von J. Reichenbach, Breite Straße (Aufn. um 1935)

1938/1939 lebten 18 Bewohner mosaischen Glaubens in Wernigerode.

Während der Pogromnacht vom November 1938 wurden die wenigen jüdischen Geschäfte demoliert. Anschließend verließen fast alle Juden die Kleinstadt; die meisten gingen in die Emigration. Die noch verbliebenen - inzwischen in einem „Judenhaus“ einquartiert - wurden in den Kriegsjahren deportiert.

 

Seit 1994 erinnert eine Gedenktafel im Rathaussaal an die verfolgte kleine jüdische Gemeinschaft von Wernigerode. Eine weitere Tafel ist an der ehemaligen Villa des jüdischen Fabrikanten Russo angebracht.

Seit dem Jahre 2009 weisen 22 sog. „Stolpersteine“ auf ehemalige Wohnstätten jüdischer Bewohner hin. Die ersten beiden in Wernigerode verlegten Steine erinnern an Clara Russo und ihren Ehemann Benno; die 1876 geborene bekannte Opernsängerin wurde 1942 deportiert und im April 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet.

                      Stolperstein Clara Russo Wernigerode.jpgStolperstein Benno Russo Wernigerode.jpgin der Feldstraße (Aufn. Migebert, 2017, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

 Benjamin Willy LöwensteinJulius LöwensteinKäthe Löwenstein geb. NussbaumRuth Löwenstein in der Burgstraße (Aufn. R. Ostermeyer, aus: wikipedia.org, CCO)

 

In Ilsenburg/Harz - wenige Kilometer nordwestlich von Wernigerode - erinnern ebenfalls einige sog. „Stolpersteine“ an ehemalige jüdische Einwohner, die der NS-Gewaltherrschaft zum Opfer fielen bzw. aus dem Lande vertrieben worden waren. 2010 wurden an vier Standorten insgesamt zehn Steine in die Gehwege vor ihren letzten Wohnsitzen verlegt.

Chil EcksteinFrieda EcksteinLola EcksteinMinna Ecksteinverlegt in der Rudolf-Breitscheidstraße

... und für Fam. Rosenblatt, Papenhecke  Benno RosenblattBerta RosenblattWalter RosenblattAlfred Rosenblatt

alle Aufn. G.B., 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

In Derenburg – heute ein Ortsteil der Stadt Blankenburg, zwischen Wernigerode und Halberstadt gelegen - sind Juden Ende des Mittelalters nachweisbar. Zu den bekanntesten seiner Zeit zählte der Hofjude Michel von Derenburg, der sich als Finanzier von Fürstenhäusern einen Namen machte. Im 18.Jahrhundert lebte eine relativ große Zahl von jüdischen Familien in Derenburg; 1804 wies das Ortsregister insgesamt 21 Familien aus, die ihren Lebensunterhalt auf den Märkten der Umgebung verdienten.

Gottesdienstlicher Mittelpunkt der Derenburger Juden war ein Zentrum mit Gemeindehaus, Synagoge und Schule in der Pfeifferstraße; gegen Mitte der 1830er Jahre wurde ein neues Bethaus in der Untermauerstraße eingeweiht.

Vermutlich seit Ende des 17.Jahrhunderts gab es am Ort einen jüdischen Friedhof.

Nach zwischenzeitlichem Rückgang der israelitischen Bevölkerung betrug in den 1830er Jahren ihre Zahl knapp 80 Personen; danach wanderten fast alle Familien ab.

 

Weitere Informationen:

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band I, S. 361/362

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Oemler-Verlag, Wernigerode, S. 265 – 269

Germania Judaica, Band III/2, Tübingen 1995, S. 1585/1586

Renate Goetz, Wernigerode, in: Jutta Dick/Marina Sassenberg (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Sachsen-Anhalt, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, S. 190 - 195

Ingmar Mehlhose (Red.), 22 Täfelchen aus Messing zur Erinnerung an , in: „Volksstimme“ vom 15.9.2009

Eberhard Schröder (Red.), Verlegung von Stolpersteinen in Ilsenburg am 30.10.2010, in: „Die LINKE – Kreisverband Harz“ vom 30.10.2010

Auflistung der in Wernigerode verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Wernigerode

Jörg Niemann (Red.), Stolperstein-Diebstahl gibt Ermittlern Rätsel auf, in: „Volksstimme“ vom 23.3.2012 (betr. Ilsenburg)

Auflistung der in Ilsenburg verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Ilsenburg_(Harz)

Ivonne Sielaff (Red.), Wernigeröder Juden – gedemütigt und ermordet, in: "Volksstimme" vom 15.10.2015

Pressemitteilung Hochschule Harz (Red.), Wernigeröder Weltgeschichte: Heimatforscher beleuchtet jüdische Schicksale, in: „iwd – Informationsdienst Wissenschaft“ vom 31.1.2016