Wolmirstedt (Sachsen-Anhalt)

Bildergebnis für landkreis Börde ortsdienst karteFlächennutzungsplan der Stadt Wolmirstedt mit den Ortschaften Elbeu,  Farsleben, Glindenberg u. Mose - PDF Kostenfreier Download Wolmirstedt/Ohre ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 12.500 Einwohnern im Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt – ca. 20 Kilometer nördlich der Landeshauptstadt Magdeburg gelegen (Kartenskizze 'Landkreis Börde', aus: ortsdienst.de/sachsen-anhalt/landkreis-boerde und Karte ' Wolmirstedt mit Umland', hist. Landesaufnahme, aus: docplayer.org). 

Die erste Beleg für die Ansiedlung einer jüdischen Familie in Wolmirstedt stammt aus dem Jahre 1809, als sich der „Handelsmann“ Aaron Wolf aus Wörlitz hier niederließ. Vor diesem Zeitpunkt schienen in Wolmirstedt keine Juden gelebt zu haben. Es lag wohl auch an der günstigen Verkehrslage von Wolmirsedt - der Ort lag an der Handelsstraße Magdeburg/Stendal - , dass sich in den beiden folgenden Jahrzehnten relativ viele Juden hier ansiedelten; diese bildeten auch bald eine Gemeinde.

Einem Antrag aus dem Jahres 1833 auf Einrichtung eines „Judentempels“ wurde stattgegeben; 1842 weihte die jüdische Kultusgemeinde diesen in der Ganggasse ein. In einem Aktenvermerk des Wolmirstedter Bürgermeisters Eisenhart vom 1.1.1842 hieß es dazu:

Bei der gestrigen Einweihung des hiesigen Judentempels ist es von den anwesenden Christen übersehen worden, daß die jüdische Armenbüchse ausgestanden hat, und deßhalb von ihnen der Wunsch geäußert worden, nachträglich ihren Beitrag zu geben, und dadurch den Verdacht der Gleichgültigkeit gegen dieß jüdische Fest abzulehnen. Ich habe mir erlauben wollen, durch Gegenwärtiges dazu Gelegenheit zu bieten. Der zu zeichnende und dem Vorzeiger gefälligst zu behändige Betrag zu ihren gegen 150 RM betragen den Baukosten zuzustellen sein.

Wolmirstadt, den 1. October 1842                                                                                         Eisenhart

Eine detaillierte „Bethaus-Ordnung“ aus dem Jahre 1847 regelte Verhalten und Rituale innerhalb der Synagoge. Im Art. 1 hieß es: „Es soll jeder das Bethaus, sowie schon das Vorzimmer still und ruhig betreten, beim Öffnen u. Schließen der Thüren möglichst Vorsicht beobachten und sich ohne alles Geräusch auf seinen Platz begeben.“

Eine jüdische Begräbnisstätte wurde um 1815 im Nordwesten der Kleinstadt, am Lausebusch, angelegt; für deren Nutzung hatte man eine jährliche Gebühr an die Kommune zu entrichten.

Juden in Wolmirstedt:

    --- 1809 .......................... eine jüdische Familie,

    --- 1827 ..........................   64 Juden,

    --- 1832 ..........................  103   “  ,

    --- 1845 ..........................   96   “  ,

    --- 1855 ..........................   80   “  ,

    --- 1865 ..........................   74   “  ,

    --- 1880 ..........................   63   “  ,

    --- 1892 ..........................   19   “  ,

    --- 1910 ..........................    6   “  ,

             ..........................   15   “  .*    * im Kreis Wolmirstedt

Angaben aus: Anette Pilz, Die ersten jüdischen Bewohner und der Bau der Synagoge in Wolmirstedt, S. 67

 

Ab den 1860er Jahren ging die Zahl der Juden in Wolmirstedt merklich zurück. Viele wanderten in größere Städten, z.B. nach Magdeburg, ab, weil sie dort bessere ökonomische Perspektiven sahen. Schließlich löste sich die jüdische Gemeinde Anfang 1920 auf; die verbliebenen Angehörigen schlossen sich der Synagogengemeinde von Magdeburg an. Das Synagogengebäude in Wolmirstedt wurde der Kommune überlassen; als Gegenleistung verpflichtete sich die Stadt, den jüdischen Friedhof zu pflegen.

In den 1930er Jahren lebte nur noch die Familie des Kaufmanns Otto Herrmann in Wolmirstedt; sie betrieb ein Herren- u. Damenbekleidungsgeschäft in der Stendaler Straße (heute August-Bebel-Str.). Ende des Jahres 1938 verließ auch diese Familie die Kleinstadt; ihr Geschäft wurde "arisiert".

 

Das ehemalige Synagogengebäude wurde zu Wohnzwecken umgebaut und ist bis auf den heutigen Tag erhalten; allerdings erinnert nichts mehr an dessen ursprüngliche Nutzung.

Vom jahrzehntelang völlig in Vergessenheit geratenen jüdischen Friedhof - erst durch ein Schulprojekt des hiesigen Gymnasiums wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht - sind heute nur noch neun, stark verwitterte Grabsteine vorhanden. Zu DDR-Zeiten war der jüdische Friedhof völlig verwahrlost: die Fläche wurde als Schuttabladeplatz benutzt. Aus einer Mitteilung des Museumsleiters Hans Dunker an den Rat der Stadt vom 23.Mai 1956: “Der jüdische Friedhof kann als Friedhof nicht mehr angesprochen werden, nachdem die Backsteinmauer abgerissen, Baum- und Strauchwerk beseitigt ist und die Grabsteine umgerissen und zertrümmert und z.T. fortgeschafft sind. Der Plan, den Friedhof als Kulturdenkmal unter Schutz zu stellen, muß deshalb aufgegeben werden, weil er von den Anliegern als Ablage für Kartoffelkraut usw. benutzt wird. Den Friedhof wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen, halte ich für unmöglich. Ihn als Kulturdenkmal zu erhalten, wäre zu empfehlen. ...“

In den 1990er Jahren ging man daran, das ehemalige Begräbnisgelände entsprechend seiner einstigen Bestimmung wieder herzurichten. Heute stellt sich das eingezäunte ca. 1.900 m² große ehemalige Friedhofsareal als Grünfläche dar; ein Gedenkstein wurde 2010 enthüllt.

 

Aufn. Olaf Meister, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

Auch Wolmirstedt nimmt am sog. „Stolperstein-Projekt“ teil; so liegen seit 2016 drei Steine vor dem ehemaligen letzten Wohnsitz der jüdischen Familie Herrmann (in der Klosterstraße in Magdeburg); bis 1935 hatten sie in Wolmirstedt gelebt und hier ein Textilwarengeschäft betrieben.

Otto Herrmann und seine Frau Regine starben im Oktober 1944 in Auschwitz. Ihre Tochter Inge Ruth konnte mit einem Kindertransport via England nach Australien auswandern

Über das Schicksal der Familie Herrmann siehe: Kurfürst-Joachim-Friedrich-Gymnasium Wolmirstedt (Hrg.), Orte jüdischen Lebens in Wolmirstadt – Kleiner Stadtführer (erstellt im Rahmen eines Schulprojektes), 2014

 

 

Weitere Informationen:

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: "Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum", Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 670

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Oemler-Verlag Wernigerode 1997, S. 274 - 276

Jutta Dick/Marina Sassenberg (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Sachsen-Anhalt , in: „Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen",  Potsdam 1998, S. 393

Anette Pilz, Die ersten jüdischen Bewohner und der Bau der Synagoge in Wolmirstedt, in: "Jahrbuch der Museen des Ohrekreises 2005", S. 65 – 78

Kurfürst-Joachim-Friedrich-Gymnasium Wolmirstedt (Hrg.), Orte jüdischen Lebens in Wolmirstadt – Kleiner Stadtführer (erstellt im Rahmen eines Schulprojektes), 2014

Auflistung der Stolpersteine in Wolmirstedt, in: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Wolmirstedt

Andreas Satzke (Red.), Ein Ort, um sich zu erinnern, in: volksstimme.de vom 29.9.2016

Ariane Amann (Red.), Wolmirstedt. Reden gegen das Vergessen, in: volksstimme.de vom 18.2.2017

Gudrun Billowie (Red.), Schülerinnen reinigen die Stolpersteine. Erinnerungen an die jüdische Familie Herrmann, die bis 1935 in Wolmirstedt lebte, in: volksstimme.de vom 17.1.2018

Gudrun Billowie (Red.), Jüdischer Friedhof: Es grünt so grün, in: volksstimme.de vom 5.5.2018

Gudrun Billowie (Red.), Natur hat auf jüdischem Friedhof Platz, in: volksstimme.de vom 29.6.2020