Zwingenberg/Bergstraße (Hessen)

Kreis Bergstraße - Kreisgebiet Bergstraße Das etwa 6.500 Einwohner zählende Zwingenberg liegt im südhessischen Kreis Bergstraße und ist seit Verleihung der Stadtrechte (1274) damit die älteste Stadt im hessischen Teil der Bergstraße - etwa 25 Kilometer südlich von Darmstadt gelegen (Ausschnitt aus hist. Karte von 1905 ohne Eintrag von Zwingenberg, aus: wikipedia.org, gemeinfrei  und  Skizze mit Zwingenberg am oberen Kartenrand, aus: kreisgebiet.de/kreis-bergstrasse/).

Blick auf Zwingenberg, Gemälde Wilhelm Merck um 1810 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Vermutlich lebten bereits Anfang des 15.Jahrhunderts wenige Juden in Zwingenberg („Twinginburg“), das zum Herrschaftsbereich den Grafen von Katzenelnbogen gehörte; sicher ist, dass hier seit dem 16.Jahrhundert - bis auf eine kurzzeitige Ausweisung - ständig eine oder zwei jüdische Familien ansässig waren. Im Laufe des 18.Jahrhunderts nahm die Zahl der Juden in Zwingenberg langsam zu, was vom Stadtrat nicht immer gern gesehen wurde. Eine eigene Synagogengemeinde gründete sich in Zwingenberg aber erst 1858; zuvor gehörte die Judenschaft - gemeinsam mit den jüdischen Familien aus Bickenbach, Hähnlein und Jugenheim - zur Synagogengemeinde Alsbach.

Ihre erste Synagoge - 1861 durch den Rabbiner Landsberg aus Darmstadt eingeweiht - befand sich im Obergeschoss der Schule am alten Rathausplätzchen; doch schon wenige Jahrzehnte später erwiesen sich diese Räumlichkeiten als zu klein, sodass die Gemeinde nach einem Grundstück für einen Synagogenneubau Ausschau hielt; ein solches wurde in der Wiesenstraße gefunden und bebaut. Im September 1903 wurde nach dreijähriger Bauzeit das neue Synagogengebäude, ein zweigeschossiger Massivbau, feierlich eingeweiht. Über dem Haupteingang waren die zehn Gebote und das Bibelzitat „Wisse, vor wem du stehst” in hebräischen Schriftzeichen eingemeißelt.

 

Synagoge in Zwingenberg (hist. Ansicht, Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge) und Skizze der Synagoge (B. Pipiorke)

Im „Bergsträßer Anzeigenblatt” hieß es am 17. September 1903 dazu:

In feierlicher Weise wurde am verflossenen Freitag die neuerbaute Synagoge ihrer Weihe übergeben. Nachmittags 2 Uhr traf der Grhzgl. Landesrabbiner Dr. Marx aus Darmstadt begrüßt von dem Vorstand unter laut ertönenden Böllerschüssen ein. Punkt 2 Uhr eröffnete die Kapelle Rhein durch einen Choral auf dem Marktplatz den Festakt. Alsdann trugen die drei Vorstände die zierlich geschmückten Thorarollen aus dem Hause des ersten Vorstehers, David Wachenheimer, mit welchen der Festzug eröffnet und mit klingendem Spiel bis zur neuen Synagoge begleitet wurde. Dort angekommen überreichte ein elfjähriges Mädchen, Johanna Rothensüs, in kurzen, sinnreich schön gesprochenen Worten dem Baumeister Schach den Schlüssel, welchen derselbe in gleicher Weise dem Vorstand Wachenheimer und dieser wieder in die Hände des Rabbiners gab, welcher die Pforte zum Einzug öffnete. Unter den Festteilnehmern bemerkten wir unseren Herrn Bürgermeister Zerweck, Ortsvorstand, Kirchenbehörde, Herrn Oberamtsrichter, Amtsrichter und sonstige wohllöbl. Mitbürger. Herr Geh. Rat Gros aus Bensheim ließ sich auf Gesundheits-Rücksichten und der ungünstigen Witterung halber kurz vor Beginn der Festlichkeit wegen seinem Nichterscheinen entschuldigen. Nachdem in dem prächtig erbauten Gotteshause die gewünschte Stille herrschte, trug Kantor Prog in Begleitung mehrere gut eingeübten Mitglieder das Eintrittsgebet, Mag Tauwu, in wohltuenden Tönen vor. Alsdann folgte Fest-Gottesdienst. Hierauf die tief zu Herzen gehende einstündige Rede des Herrn Dr. Marx und hieran knüpfte sich das Schlußgebet. Die Festlichkeit, die einfach gehalten war, verlief zur allgemeinen Befriedigung. Dem Baumeister, Vorständen und größten Teil der israelitischen Mitglieder gebührt wegen der sich ganz besonders gegebenen Mühen und Fleiß an dieser Stelle noch besten Dank. Möge das Haus den Anforderungen der israelitischen Gemeinde gerecht werden und zum Segen gereichen.

Für die Erledigung religiöser/ritueller Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der neben seiner unterrichtlichen Tätigkeit auch als Vorbeter und Schochet fungierte. Die Besetzung der Lehrerstelle in Zwingenberg war einem häufigen Wechsel unterworfen.

        

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 2.Aug. 1865, 8.Sept. 1898 und 15.Juli 1909

Um sein Gehalt aufzubessern, bot der hiesige jüdische Lehrer Mannheimer zur Kur weilenden Gästen in seinem Haus Unterkunft und (koschere) Verpflegung an.

               private Beherbergungsanzeige, in: "Der Israelit" vom 5. Juni 1893

Da gegen Ende der 1920er Jahre kein Minjan mehr zustande kam, schlossen sich die jüdischen Gemeinden Zwingenberg und Auerbach zusammen; fortan besuchten die Auerbacher Juden die Synagoge in Zwingenberg. Nur wenige Jahre vor der NS-Machtübernahme wurde das Synagogengebäude noch umfassend renoviert und galt als eines „der schönsten an der Bergstraße“.

[vgl. Auerbach (Hessen)]

Ihre Verstorbenen begrub die Judenschaft von Zwingenberg auf dem jüdischen Friedhof in Alsbach, der als Zentralfriedhof Verstorbenen aus 14 südhessischen Synagogengemeinden als letzte Ruhestätte diente.

Juden in Zwingenberg:

        --- um 1645 ........................  5 jüdische Familien,

    --- 1750 ...........................  2     “        “   ,

--- 1774 ...........................  3     “        “    (17 Pers.),

    --- 1812 ...........................  4     “        “   ,

    --- 1829 ...........................  8     “        “    (43 Pers.),

    --- 1858 ........................... 78 Juden (14 Familien),

    --- 1871 ........................... 54   “  ,

    --- 1880 ........................... 77   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1900 ........................... 56   “  ,

    --- 1910 ........................... 55   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1925 ........................... 51   “  ,

    --- 1933 ........................... 40   “  ,

    --- 1939 ...........................  2   “  ,

    --- 1940 ...........................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 451                                              

und                Norbert Mischlich, Die Israelitische Gemeinde, S. 382

Die Angehörigen der kleinen jüdischen Gemeinde Zwingenberg lebten zumeist in bescheidenen Verhältnissen; sie waren in das kleinstädtische Leben aber weitestgehend integriert.

Wie überall in Deutschland wurden nach der NS-Machtübernahme 1933 auch in Zwingenberg antijüdische Maßnahmen eingeleitet; eine „günstige Gelegenheit“ bot ein Anfang April 1933 im Verkehrslokal der NSDAP ausgebrochene Brand, der Kommunisten und Juden zur Last gelegt wurde; erste Verhaftungen waren die Folge. Nach 1933 verließen die meisten Juden Zwingenberg; ein Teil emigrierte, ein anderer Teil verzog in größere deutsche Städte. Ende August 1935 beschloss der Zwingenberger Gemeinderat:

„ ... Juden wird der Zuzug in unserer Gemeinde untersagt. Die Polizei darf Anmeldescheine von Juden nicht mehr entgegennehmen. Ebenso ist den Juden der Neuerwerb von Haus- und Grundbesitz innerhalb der Gemeinde verweigert. Zur Benutzung der Gemeindewaage und des Zuchtviehstalles können Juden nicht mehr zugelassen werden ... Wer von der deutschen Bevölkerung mit Juden geschäftlich oder privat Verbindungen unterhält, wird von der Vergebung gemeindlicher Aufträge für die Zukunft ausgeschlossen. ... “

(aus: „Bergsträßer Bote” vom 29.8.1935)

Während des Novemberpogroms von 1938 blieb das bereits nicht mehr genutzte Synagogengebäude von Zerstörungen verschont; die Kultgegenstände waren zuvor nach Frankfurt/M. ausgelagert worden. Häuser jüdischer Bewohner wurden von SS-Männern aufgebrochen und demoliert und deren Inventar teilweise verbrannt; an den Ausschreitungen sollen sich auch Schüler beteiligt haben. Das Synagogengebäude wurde noch im November 1938 an einen Privatmann veräußert, der es in der Folgezeit zu Lagerzwecken vermietete. 1939 verließ das letzte jüdische Ehepaar die Stadt Zwingenberg.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden nachweislich 21 gebürtige bzw. längere Zeit in Zwingenberg ansässig gewesene jüdische Bürger Opfer der "Endlösung" (namentliche Nennn ung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/zwingenberg_hp_synagoge.htm).

 

Das ehemalige Synagogengebäude wurde nach 1945 zu einem Mehrfamilien-Wohnhaus umgebaut.

                                          Seitenfront der ehem. Synagoge (Aufn. T. Pusch, 2011)

Am Rathauseingang wurde 1984 zum Andenken an alle NS-Opfer eine Gedenktafel angebracht; die Inschrift lautet:

1933

Die Bürger der Stadt Zwingenberg gedenken der Verfolgung ihrer jüdischen Mitbürger

und derer, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft diskriminiert, verfolgt und ermordet wurden.

1945

2006 wurde hier eine zweite Gedenktafel angebracht, die namentlich an alle jüdische NS-Opfer erinnert.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2075/Zwingenberg%20Gedenken%20202.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2075/Zwingenberg%20Gedenken%20201.jpg

 Die beiden Gedenktafeln – eine mit den Namen der jüdischen Opfer (Aufn. J. Hahn, 2006)

Im Sommer 1999 gründete sich in Zwingenberg der „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V.“, der es sich im Ziel gesetzt hat, das denkmalgeschützte, aber marode Gebäude anzukaufen und zu renovieren; danach soll es einer angemessenen Nutzung in Erinnerung an die ehemalige jüdische Gemeinde zugeführt werden.

Im Jahre 2012 wurde mit der Verlegung von elf sog. „Stolpersteinen“ an fünf Standorten begonnen, die jüdischen Opfern der NS-Herrschaft gewidmet sind.

 

 

Hinweis: Zwingenberg an der Bergstraße ist nicht identisch mit dem badischen Zwingenberg im Neckar-Odenwald-Kreis.

 

 

Weitere Informationen:

Walter Möller, Geschichte der Stadt Zwingenberg a. d. B., Zwingenberg 1910, S. 105 ff.

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen, Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 451f.

Norbert Mischlich, Die Israelitische Gemeinde, in: 700 Jahre Stadtrecht 1274 - 1974. Chronik von Zwingenberg an der Bergstrasse, Zwingenberg 1974, S. 373 - 390

Norbert Mischlich, Die Synagoge in Zwingenberg a. d. B., in: "Geschichtsblätter Kreis Bergstraße", No. 10/1977, S. 250 - 255

Rudolf Kunz, Statistik der Juden 1774 - 1939 im Gebiet des heutigen Kreises Bergstraße, in: "Geschichtsblätter Kreis Bergstraße", No. 15/1982, S. 285/286

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - Was geschah seit 1945 ?, Verlag K.R.Langewiesche Nachfolger Hans Köster, Königstein/T. 1988, S. 123/124

Karl Schemel, Die Geschichte der Juden in Bickenbach und im südhessischen Raum, in: Bickenbach uffm Sand - Ortschronik der Gemeinde Bickenbach, Band II, Matchball-Verlag Tomas Klang, Bickenbach 1993, S. 228/229

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 28

Fritz Kilthau, Mitten unter uns - Zwingenberg an der Bergstraße von 1933 bis 1945, in: "Geschichtsblätter Kreis Bergstraße", Sonderband 21, Heppenheim 2000, S. 39 ff.

Zwingenberg (Bergstraße), in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Fritz Kilthau, Vor 100 Jahren: Die neue Zwingenberger Synagoge wird eingeweiht, in: "Bergsträßer Anzeiger" vom 30.8.2003

Initiative ‘Gedenkort Güterbahnhof Darmstadt’ (Hrg.), Denkzeichen von Alsbach bis Zwingenberg. Orte von Widerstand und Verfolgung, Gedenkstätten u. Erinnerungsinitiativen in Südhessen u. Umgebung, Darmstadt 2005

Fritz Kilthau, Als die Synagogen brannten - Die Reichspogromnacht im Kreis Bergstraße, 2.Aufl. 2008

Synagoge Zwiingenberg. aus: HLZ - Politische Bildung in und für Hessen, online abrufbar unter: hlz-hessen.de

Auflistung der Stolpersteine in Zwingenberg/Bergstraße, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Zwingenberg

Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V. (Hrg.), Stolpersteine Zwingenberg, online abrufbar unter: arbeitskreis-zwingenberger-synagoge.de/gedenkstaetten/stolpersteine/zwingenberg/index.html

Fritz Kilthau, Zur Geschichte der Synagogen von Zwingenberg an der Bergstraße, hrg. vom Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge e.V., 2014